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Die Glocken des schiefen Turms

Jeden Samstag herrscht in der Hauptstrasse in Nidau eine Viertelstunde lang quasi Sprechverbot, an das sich die Anwohner gewöhnt haben – und Passanten staunen. Wer sich in dieser Zeit trotzdem etwas mitteilen will, muss nämlich seinem Partner ins Ohr schreien, wer in einer der Terrassenbeizen etwas bestellen will, tut dies am besten mit Handzeichen.

Die Glocken des schiefen Kirchturms von Nidau haben nämlich samstags ab 18 Uhr ihren grossen viertelstündigen Auftritt. Das beginnt mit  dem lauten sechsmaligen Schlagen der Uhrzeit, dann folgt ein Glockenspiel zum Einläuten des Wochenendes, das wahrhaftig durch die Gassen des Städtchens dröhnt.

Aber das Gebimmel hat Melodie − und es beginnt äusserst spannend. Zuerst die Glocke mit dem hohen Ton. Dann folgen tiefere mit einem Bum-Bum. Und was den Magen dann wirklich vibrieren lässt: Zuletzt die ganz tiefe, deren Schlag wirkt wie der Bass einer Popgruppe.

Am besten ist das Nidauer Tonspiel von der Terrasse des Restaurants Sternen aus zu geniessen. Aus dieser Sicht kann zu den erzwungenen «Schweigeminuten» auch die Schiefe des Turms bestaunt werden, der trotz der bebenden Töne in seiner Schräglage standhaft bleibt. Er steht punkto Neigungswinkel übrigens demjenigen in Pisa in keiner Weise nach. Der stark nach rechts neigende Turm muss bereits während des Baus in Schräglage geraten sein, denn im obersten Stock des Turms wurde der Bau wieder begradigt. Die Mauer ist auf der rechten Seite höher als auf der Gegenseite.

So steht das hohe, spitzige Blechdach ganz gerade auf dem schiefen Mauerwerk, damit die Glocken in der Waagerechte so richtig in Schwung kommen, um ihre lauten Töne durch die Nidauer Hauptstrasse schallen zu lassen.

Von Beat Gehri – Randnotiz im Bieler Tagblatt vom 18. September 2007